Romeo und Julia

Haben Sie während Ihrer Schulzeit auch Liebesbriefchen geschrieben? Es ist mit Sicherheit ohne Konsequenzen geblieben, nicht so vor über 140 Jahren.

Zwar bleibt hier das Happy End aus, aber eine Tragödie á la William Shakespeare wurde es auch nicht.

14. März 1865 – Wenn Wilhelm Piutti am Tisch in seiner Kammer des Elternhauses in der Saline Louisenhall sitzt und aus dem Fenster schaut, dann kann er die Häuser des nahen Dorfes sehen. Jetzt um so besser, da die Bäume noch kahl sind. Dabei kreisen seine Gedanken um ein Mädchen, dass ihm seit Tagen nicht zur Ruhe kommen lässt. Zum ersten Mal in seinem Leben ist er verliebt und die Geliebte ist Klara, die Tochter seines Lehrers Taubert.

Er kann nicht anders, er muss ihr schreiben was er für sie empfindet und zieht deshalb Papier und Bleistift aus der Schublade. Am Ende sind seine Gedanken auf einer viertel Seite festgehalten, aber es wird wohl ausreichen.

Am nächsten Morgen schiebt Wilhelm den ordentlich gefalteten Liebesbrief in das Fach unter seiner Bank. Wenn nachher die Schule zu Ende ist, dann wird er ihn Klara überreichen.

Längst sind die älteren Schüler aus dem Raum, da stürmen die jüngeren herein. Franz Bauer, der Sohn des siedelhofschen Kastellans, schiebt die Schulbücher in das Fach unter der schrägen Schreibfläche und stößt dabei auf einen leichten Widerstand. Neugierig beugt er sich hinab, um nach der Ursache zu suchen. Es ist ein Zettel, zusammengefaltet und nun durch seine Schulbücher etwas geknickt. Er stößt Fritz, der neben ihm sitzt, an. „Schau mal, was im Fach lag!“

Fritz, der Sohn des Lehrers Hönniger, wirft einen Blick darauf und hält es für besser ihn dem Vater zu übergeben.

Lehrer Hönnigers Augen eilen über die Zeilen „Geliebte Klara ....“. Es macht ihn wütend, weil sich so etwas in seinen Augen nicht gehört. Ein Schulknabe hat einem Schulmädchen keinen Liebesbrief zu schreiben und schon gar nicht, wenn dieses Mädchen die Tochter seines Berufskollegen ist. Da ist es ihm völlig egal, wenn der Schreiber ebenfalls aus gehobenerem Kreise stammt. Auch wenn keine Unterschrift den Brief beendet, so weiß er doch wem diese charakteristische Schrift gehört. Es gibt nur zwei Jungen im höheren Jahrgang, die so schlecht schreiben und nur einer, der als Verfasser in Frage kommt: Wilhelm Piutti. Das kann und will Hönniger vor Gott und seinem Gewissen beschwören.

Vorerst ist in dieser Sache jedoch nichts zu unternehmen, er muss zurück in die Schulstube. Fritz erhält die Anweisung, den Liebesbrief Lehrer Taubert zur Einsicht zu bringen und danach wieder hier abzuliefern. Noch viel aufgebrachter aber ist Karl Taubert, Klaras Vater, nachdem er den Liebesbrief an seine Tochter gelesen hat. Er will eine strenge Rüge für den Übeltäter und dass niemals wieder jemand diesen ungehörigen Brief lesen kann, übergibt das Beweisstück zur immerwährenden Vernichtung dem Feuer..... Eigentlich wollte Lehrer Hönniger während der freien Zwischenstunde Wilhelm Piutti zu sich in die Wohnung bestellen um ihn zur Rede zu bringen, doch er hat es über andere Dinge vergessen. So schickt er Fritz hinterher und sieht vom Fenster aus zu, wie beide Jungen auf dem Karlsplatz zusammentreffen. Nur hören kann er das Gespräch nicht.

Fritz muss sich beeilen, um Wilhelm noch einzuholen. „Du musst zurückkommen, mein Vater will mit dir reden!“ ruft er hinterher.

Wilhelm bleibt nur widerwillig stehen. „Ach, wegen dem Zettel, den kenne ich nicht!“ knurrt er und beißt sich im nächsten Moment auf die Zunge. Fritz hatte nichts dergleichen erwähnt, wäre er doch lieber nicht so unvorsichtig gewesen und hätte den Ahnungslosen gespielt. Aber nun ist es zu spät und die Worte lassen sich nicht mehr zurückholen. Wenn Fritz das seinem Vater wörtlich ausrichtet, dann .....

... und Fritz richtet es wörtlich aus, schon deshalb, weil der Vater es so verlangt. Hönniger fühlt sich bestätigt. Auch wenn er durch die Vernichtung des Briefes nun keinen Beweis mehr in den Händen hat. Seine Aufklärung des Falles ist aber noch nicht abgeschlossen. Fritz wird erneut losgeschickt, jetzt ist der Weg nicht so weit, nur bis in die Nachbarwohnung zu Klara Taubert.

Statt dieser erscheint nur die Magd: „Klara ist ängstlich, wisse nicht was sie sollte!“

Hönniger gibt nicht nach: „Lass’ sie nur kommen, ich will sie nur etwas fragen!“

Als Klara dann endlich erscheint, beantwortet sie alle Fragen mit „Nein“.

Am gleichen Abend trifft Hönniger im Gemeindegasthaus auf den Salineninspektor Bernhard Piutti. Ihm gegenüber bleibt der Lehrer zurückhaltend, hat große Achtung vor dem einflussreichen Mann und berichtet so nur im allgemeinen von dem Vorfall und ohne Namen zu erwähnen.

Da Hönniger nun das Beweismittel fehlt, sind ihm die Hände gebunden. Nur eines kann er noch tun. Als er am Donnerstag, am 16. März, die Schulstube betritt, hat er statt des Religionsbuches die Mappe mit den Schulgesetzen in der Hand. Punkt für Punkt liest er laut vor und einen ganz besonders deutlich, während er Wilhelm dabei ansieht und ihn mit „Du bist gestern ungehorsam gewesen!“ ermahnt. Nur er und Wilhelm wissen, was das bedeutet. Lehrer Hönniger verfasst noch einen letzten Bericht zu seinen Ermittlungen an das Pfarramt und Pastor Andreä legt diesen zu den Akten und schließt damit das Thema ab.

Für Wilhelm und Klara bleibt es eine kleine, schöne Schulzeitliebe. Nach der Konfirmation trennen sich ihre Wege.

 

KHK

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10. Februar 1791

Was geschah in dieser Nacht?
 
Als die Stotternheimer an jenem Donnerstag am Abendbrotstisch sitzen, ist ihre Welt noch in Ordnung. Die Stube ist warm und die Tiere in den Ställen versorgt. Es wird über den kommenden Tag und die zu erledigenden Arbeiten gesprochen, Pläne geschmiedet.
Die Lichter, die durch die Fenster aus den Häusern auf die Gassen scheinen, erhellen schwach die Dunkelheit.
 
Pfarrer Fälkner verabschiedet an der Haustür Andreas Kornmaul, der soeben seinen neugeborenen Sohn zur Taufe angemeldet hat und begibt sich dann in seine Studierstube, um alles dafür vorzubereiten.
Auf dem Heimweg trifft Kornmaul an der Straßenecke auf die Hebamme Straube, die sich noch einem aufgemacht hat, um im Kornmaulschen Haus nach der jungen Mutter und dem Säugling zu sehen. So legen beide gemeinsam das kurze Wegstück zurück.
 
Am Obertor schlägt Schulmeister Grobe das Zensurenbuch zu und kann vom Fenster aus beobachten, wie sein Amtskollege Bechler mit einer Laterne in der Hand und gegen den immer stärker werdenden Sturm ankämpfend quer über den Friedhof zur Kirche geht, sicher will der Kantor für den Sonntagsgottesdienst auf der Orgel proben.
Zur gleichen Zeit klopft es bei Chirurg (Barbier) Roth am Untertor an die Tür. Das Nachbarskind hat Zahnschmerzen und muss davon erlöst werden.
Am Karlsplatz legt Schmied Lotze den schweren Hammer aus der Hand und Tischlermeister Wagner ein paar Häuser entfernt in der Herrengasse schließt die Werkstatt ab.
Es ist endlich Feierabend, wohlverdient nach einem langen Arbeitstag.
 
Nur der Gastwirt mit seiner Magd am Karlsplatz 5 hat noch alle Hände voll zutun. An der Handelsstraße zwischen Erfurt und Magdeburg gelegen gibt es viele Gäste, die sein billigeres Quartier den teuren in Erfurt vorziehen. Immer wenn jemand die Tür auf der Sackgassenseite öffnet um einzutreten, weht eine unangenehme kühle Sturmböe durch die kleine Gaststube und lässt die Kerzenflammen unruhig werden.
 
Gleich nebenan, im Eckgrundstück Karlsplatz/Mittelgasse, endet mit dem Dunkelwerden das Tagwerk. Hier wohnt der 31jährige Heinrich Straube, ein einfacher, verschlossener und eigenwilliger Mann, den allein seine Frau Hanna Juliane zu lenken versteht. Sie besitzt im ganzen Dorf ein gutes Ansehen, niemals weist sie Arme und Kranke von ihrer Tür ab.
Dieser Abend ist wie jeder andere: Nach dem Essen wird noch Ordnung geschaffen und die Magd setzt den Brotteig an, so dass der in der verbliebenen warmen Küchenluft gut gehen kann. Dann wird die Kerze ausgeblasen.....
 
Gegen 21 Uhr zerreißt plötzlich der aufgeregte Ton der Feuerglocke die Stille und warnt vor Gefahr. Fenster werden aufgerissen und flüchtig bekleidete Menschen treten vor die Hoftore. Ein gelbroter Feuerschein steht mitten über dem Dorf.
 
Aus dem Haus des Heinrich Straube schlagen bereits die Flammen weit in den Nachthimmel hinauf und die Sturmböen greifen die glühenden Funken auf und tragen sie davon.
Hastig werden Jacken übergezogen und mit Wassereimern durch die Gassen zum Brandort geeilt. Die große schwere Feuerspritze wird herangeschoben und zwei Feuerläufer machen sich auf den Weg, um in den Nachdörfern Hilfe anzufordern.
 
Noch bevor die Löscharbeiten beginnen können, steht ein zweites Haus in hellen Flammen. Der Sturm hat die Funken über die Gasse hinweg getrieben. Jetzt eilen die Flammen über die Haus- und Stalldächer, das Feuer frist sich von Dach zu Dach weiter ohne Halt. 
Nur die Häuser, die beiden Schulen und die Kirche am Obertor bleiben außerhalb der Gefahr, weil der Sturm aus südwestlicher Richtung weht.
 
Die Männer an der Feuerspritze stehen angesichts der schnellen Ausbreitung dem Inferno bald machtlos gegenüber. 
Das Feuer bleibt nicht auf die Mittelgasse begrenzt. Eine viertel Stunden später überwindet es den weiten Karlsplatz und erreicht ein Scheunendach am Beginn der Herrengasse. Es macht allen Einwohner klar, dass es nun kein Halten mehr gibt. Jeder für sich muss ab diesem Moment versuchen, wenigstens einen geringen Teil seines Besitzes zu retten.
 
Die Wöchnerin, Frau Kornmaul, hat nur wenig Zeit sich anzukleiden. Hastig wickelt sie den erst einen Tag alten Säugling in Decken, um ihn gegen Sturm und die raue Februarluft zu schützen.  Mit Ehemann und den übrigen kleinen Kindern flieht sie aus dem brennenden Haus.
 
Eine Stunde nach Ausbruch des Feuers stehen Mittelgasse, Riethgasse, Herrengasse und Teile der Sackgasse in Flammen. „...74 Häuser, 73 Scheunen, 80 Ställe...“ fielen dem Feuer zum Opfer und „...11 Begüterte, 33 Mittelleute, 32 unbemittelte Hausbesitzer, 22 Mietsleute, 25 ganz Arme waren abgebrannt.“ Beschreibt die Dorfchronik die Ereignisse dieser Nacht.
 
Glück für die, die für ihre Häuser eine Brandversicherung abgeschlossen hatte, es sollen die meisten gewesen sein. Die Nachbardörfer leisteten finanzielle und materielle Unterstützung und kaiserliche und kurmainzische Soldaten, die in Erfurt stationiert waren, erhielten Befehl bei der Beräumung der Brandstätten zu helfen.
 
KHK
Quellen: Dorfchronik und Bericht des Kantors Johann Georg Bechler (Pfarrarchiv)
 

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Brandbekämpfung vor 1877

Mein Heimatblattbeitrag in diesem Monat ist unserer Freiwilligen Feuerwehr gewidmet und ihrem Einsatz rund um die Uhr bei jedem Wetter. Wer ehrlich ist muss zugeben, dass die meisten von uns sobald Mitternacht die Sirene ertönt darüber nachdenkt, wo in diesem Moment dringend Hilfe benötigt wird. Bestenfalls schaut man noch neugierig aus dem Fenster und kehrt dann ins warme Bett zurück.
„Früher“ war das anders. Wer da in einem solchen Moment im warmen Bett liegen blieb, musste mit einer Bestrafung rechnen. Jeder Einwohner – Mann und Frau – waren zur Hilfeleistung verpflichtet. Allerdings wäre es auch keinem eingefallen untätig zu bleiben, denn die aus Fachwerk, Lehm und Stroh bestehenden Häuser gerieten schnell in Brand und wie 1791 geschehen, genügten 4 Stunden um ein großes Dorf einzuäschern.
Es ist allgemein bekannt, dass 1877 das Gründungsjahr des Feuerwehrvereins ist, doch was war in den Jahrhunderten davor?
Die Großbrände von 1623, 1688, 1699 und 1791 nach denen Stotternheim immer wieder fast komplett aufgebaut werden musste zeigte den Einwohnern, wie dringend eine gute Ausrüstung gegen solche Gefahren ist. Und da genügte es nicht, dass jeder Hausbesitzer verpflichtet war, stets zur Brandbekämpfung bereit zu sein und Löscheimer und Axt stets greifbar zu haben.
Schon lange vor 1877 war in Stotternheim eine organisierte Feuerbekämpfung vorhanden. Die kleinste Form war der „Feuerläufer“. Von der Gemeinde extra dafür angestellt und bezahlt, musste er im Notfall zu Pferd oder zu Fuß in die benachbarten Dörfer laufen und Hilfe holen. Die größere Form war die teure Anschaffung einer „Feuerkunst“ und eine solche vermochten sich nur große,  finanzkräftige Dörfer leisten, wie auch unser Dorf.
Als im Jahre 1731 der goldene Knopf auf den neuerbauten Kirchturm gesetzt wurde, erhielt er als Inhalt wichtige Informationen zur aktuellen Geschichte des Dorfes: neben den Namen der amtierenden Regenten des öffentlichen Lebens, einem Einwohnerverzeichnis, Preisangaben und allerlei weiterem, auch eine Liste zu gemeindeeigenen Gebäuden mit der Erwähnung eines „Feuer-Kunst-Hauses“. Das ist der Beweis, dass schon zu dieser Zeit neben Feuerhaken und Feuerleitern eine „Feuerkunst“, also Feuerspritze, vorhanden war und es Männer gab, die speziell in der Bedienung dieser damals hochmodernen Technik ausgebildet waren.
Wie kostbar die Feuerspritze war zeigt, dass sie nicht in irgendeiner Bauernscheune untergestellt wurde, sondern ein eigenes Haus besaß. Anspänner, also Pferdebesitzer, waren verpflichtet, sie im Notfall zum Einsatzort zu fahren. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts gab es innerhalb unseres Dorfes drei Feuerlöschteiche: den größten auf dem Karlsplatz und zwei kleinere in der Sackgasse und am Untertor.

 

KHK
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Das dörfliche Medizinwesen

Eigentlich sollte das ein Beitrag über den in Stotternheim tätigen „Doktor Elias Lange“ werden, aber meine Recherchen ergaben am Ende etwas völlig anderes...
 
Anfang Februar 1682 wurde Elias in der Mühle am Untertor als mittelstes und 7. Kind des Müllermeisters Andreas Lange geboren. Ingesamt hatte er 6 Schwestern und 6 Brüder. Elias erlernte ein Handwerk, dass es bislang im Dorf nicht gab: Chirurg -  Balbier - Feldscher. Diese drei Bezeichnungen zeichneten ein und den selben Beruf aus und machten ihn zum angesehen Einwohner des Dorfes, so dass er auch mit „Herr“ betitelt wurde. Nur Reichtum erlangte er damit nie. Der Verdienst war so gering, dass er nebenbei noch Landwirtschaft betrieb und jährlich 6 Groschen 11 Pfennig Erbpacht auf das Land bezahlte. Nur einen Kirchenstuhlplatz für 6 Groschen kann er sich leisten und musste zwischen den übrigen Bauern und Handwerkern sitzen. 1736 schenkten ihm Verwandte für ein Jahr einen Kirchenstuhlplatz für 12 Groschen in besserer Reihe.
 
Kurz gesagt, er war der Barbier bzw. wie es später heißt, der Frisör des Dorfes. Aber während Frisöre heute wirklich nur mit dem Schneiden der Haare zu tun haben,, umfasste dieser Beruf zu Elias Langes Zeiten und noch weit darüber hinaus, viel mehr. Bartrasur und Haare schneiden bei ausschließlich männlicher Dorfkundschaft war nur die eine Berufsseite, die zweite umfasste das Ziehen von Zähnen, Aderlass und Schröpfen, Behandlung von offenen Wunden jeder Art, Versorgung von verstauchten, gebrochenen und ausgerenkten Armen oder Beinen, sogar Operationen und Amputationen führte er aus.
Dieser Beruf bedurfte keines Studiums an einer Universität, nur einer Lehre bei einem Meister dieses Faches, da es ein „Handwerksberuf“ war.
Je besser sich ein Balbier in den medizinischen Kenntnissen und der Pharmazie auskannte, um so größer und besser standen die Chancen seiner Patienten.
Zwischen 1727 und 1735 hatte Lange den Berufskollegen Christoph Nordhausen im Dorf.
 
Über die Fähig- und Fertigkeiten beider werde ich hier kein Urteil abgeben. Es gibt jedoch in der Dorfchronik eine Erwähnung, die diese in Frage stellt. Im Juni 1733 verletzte sich der 26jährige Peter Otto am Handgelenk und ließ sich, wie es üblich war, von einem der beiden Balbiere behandeln. Der Beschreibung nach ein Bruch bzw. Ausrenkung, dann aber kam hohes Fieber hinzu und erst jetzt wurde nach einem richtigen Doktor, den es nur in Erfurt gab, geschickt.

Die Dorfchronik berichtet darüber: „1733 - ereignete sich ein trauriger Unfall. Beim Taubennestausnehmen gleitete Hans Otto’s jüngster Sohn Peter auf der Leiter aus und blieb mit der linken Hand in der Taubenhöhle stecken, fiel aber dann herunter. In Folge zu festen Verbandes vom Chirurgen kam der Brand hinzu, so dass die herbeigeholten Erfurter Ärzte nicht mehr helfen konnten, und da der Unglückliche sich die Hand nicht ablösen lassen wollte, so starb er im Glauben an Christus und erwartete seine Erlösungsstunde mit herzlichem Verlangen, christlicher Standhaftigkeit und inbrünstigem Gebete, mit völligem Verstande und ohne Todesfurcht, noch nicht 27 Jahre alt.“

KHK

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Spektakuläre Mordfälle in Stotternheim - Rehabilitation nach fast 300 Jahren?

Als ich das Thema „Spektakuläre Mordfälle“ auswählte stellte ich mir vor, in dem Beitrag gleichzeitig auf Ereignisse aus den Jahren 1673, 1681, 1714, 1725, 1867 und 1899 einzugehen. Es sollte nur ein einziger Bericht für das Heimatblatt werden, doch bei meinen Recherchen zum Mordfall 1725 stellte sich etwas heraus, was alle meine Pläne änderte...  Fast zehn Jahre ist es her, dass ich im Kirchenbuch auf jenen Eintrag des damaligen Pfarrers Christian Martin Wahl stieß. Und da selbst in unserer Zeit noch immer all das, was vom normalen Alltag abweicht als interessant empfunden wird, habe ich ihn mir notiert in der Gewissheit, irgendwann verwenden zu können. Doch dann ist er über andere Dinge in Vergessenheit geraten bis eben zu dem Zeitpunkt, als ich diesen Heimatblattbeitrag zu schreiben begann:

Am Abend des 5. April 1725, einem Donnerstag, saßen neben einigen anderen Männern aus dem Dorf wie so oft auch Gottfried Völker und Valten Beringer bei Caspar Schaar im „Beyzapfen“ am Eingang zur Sackgasse zusammen beim Bier. Eigentlich war Schaar Fleischermeister, doch er durfte auch Beizapfen, d. h. er besaß das Recht des nebenberuflichen Bierausschanks, das durch die Gemeinde verpachtet wurde.

Gottfried Völker und Valten Beringer kannten sich bereits seit 13 Jahren.

Völker wurde in Schloßvippach geboren und zog nach seiner Heirat am 18.4.1712 mit der einheimischen Anna Elisabeth Möller in Stotternheim ein. Er wurde später als „Schuster“ bezeichnet, ein Begriff der schon zur damaligen Zeit nicht sehr ehrenvoll war. So wurde nur genannt, wer Schuhreparaturen durchführte oder keine ordentliche Arbeit verrichtete. In seiner knapp 13jährigen Ehe wurden ihm 5 Kinder geboren, von denen drei das Säuglingsalter überlebten. Einem weiteren Vaterglück schaute Gottfried Völker bereits entgegen.

Sehr beliebt schien er nicht im Dorf gewesen zu sein. Nicht ein einziges Mal wurde er zu einer Patenschaften gebeten.

Valten Beringer/Bäringer lebte schon seit 1698 im Dorf. Er stammte aus Ollendorf und war in erster Ehe mit Susanna Gruppe und ab 1706 mit deren Nichte Susanna Gruppe verheiratet. In beiden Ehen wurden ihm 7 Kinder geboren.

Warum es an jenem 5. April zu einem Streit kam und in dessen Verlauf Gottfried Völker durch Valten Beringer erstochen wurde, ist heute nicht mehr bis ins Detail zu klären. Nicht einmal die Dorfchronik erwähnte es, nur der Eintrag im Sterbebuch berichtet sehr knapp und in einem Gemisch aus Deutsch und Latein davon. Neugierig geworden und des lateinischen nicht mächtig, finde ich im Internet in einem Ahnenforschungsforum Hilfe. Kaum eine halbe Stunde, nachdem ich den Hilferufe zur Übersetzung eingetippt hatte, ist schon die Antwort da. Zwar kenne ich jetzt den Sterbebucheintrag im ganzen, aber es kommen auch neue Fragen auf.

Da der „Mord“ vor Zeugen geschah, musste die Angelegenheit nicht lange untersucht werden. Der Mörder war bekannt und so wurde das Mordopfer „auf Befehl des kurfürstlich-mainzischen Gericht“, dem nach 1664 die Blutgerichtsbarkeit unterstand, zur Bestattung freigegeben. Am Abend des 9. April 1725 wurde Gottfried Völker am Rande des Friedhofes ohne „Weihrauch und Kreuz“, dass heißt also ohne kirchliche Weihen des Pastors begraben.

Moment? Am Rande des Friedhofes und ohne kirchliche Weihen? Diese Sitte war nur bei Selbstmördern bzw. anderen unliebsamen Personen üblich! Wieso wurde auf diese Weise nun auch mit einem unschuldigen Mordopfer umgegangen?

Da ich keine Erklärung zu so einer untypischen Praktik finde, fällt mir in diesem Moment nur ein einziger als Ansprechpartner ein – ein Pfarrer. Nach dem Telefonat wird vieles Klarer und nun können auch Rückschlüsse leichter gezogen werden.

Am Abend des 5. April 1725, einem Donnerstag, kam es im Beyzapfen bei Caspar Schaar zu einem Streit, den Gottfried Völker provozierte. Er war bekannt für solche Szenen und deshalb nicht beliebt im Dorf. Im Alkoholrausch zog er das Messer und sein Gegner, Valten Beringer, muss sich verteidigen. Es wurde ein Unfall mit Todesfolge, bestätigt von zahlreichen Anwesenden. Beringer war somit kein Mörder und Völker, der dorfbekannte Unruhestifter erhielt das Grab am Rande des Friedhofes, abseits der Dorfgemeinschaft.

Noch immer neugierig, reicht mir diese Aufklärung nicht völlig aus. Was wurde aus Valten Beringer? Die Anfrage im Erfurter Stadtarchiv, wo ich mittlerweile bekannt bin, führte ins nichts. Da, wie bereits erwähnt, die Blutgerichtsbarkeit ab 1664 nicht mehr dem Erfurter Stadtrat unterstand, sondern einem kurfürstlich-mainzischen Gericht, sind hier auch keine Gerichtsakten zu finden. Der Stadtarchivdirektor verweist mich nach Wernigerode, wo sich die Außenstelle des Landeshauptarchives Sachsen-Anhalt befindet. Wenn wirklich etwas über diesen Fall vorhanden ist, dann hier.

Zum Glück gibt es ja Internet und die Archivmitarbeiter sind auch sehr kooperativ. Aber leider werden auch in Wernigerode keine Gerichtsakten zu diesem Fall gelagert. Meine nächste Email geht direkt nach Mainz, doch von hier werde ich an das Staatsarchiv Würzburg verwiesen und auch hier ist nichts mehr zu ermitteln.... Also muss auch ich diese „Akte“ schließen.

Epilog:

Gottfried Völkers Witwe Anna Elisabeth, erst 35 Jahre alt, ging keine weitere Ehe mehr ein. Vielleicht war sie durch den Ruf ihres verstorbenen Mannes abgestempelt. Sohn Simon heiratete 1746 Gertruda Hille aus Werningsleben, zeugt 10 Kinder und war als „Tag- und Nachtwächter“ durch die Gemeinde angestellt. Tochter Christina heiratete knapp 28jährig, 1745 den 80jährigen Junggesellen Christoph Miethe und nach dessen Tod, 1750 Georg Heinrich Ritze. Seine jüngste Tochter Elisabeth, deren Geburt Völker nicht mehr miterlebte, wurde am 24. Juli 1725 geboren und starb bereits mit 13 Jahren.

Die Existenz eines Mitgliedes aus der Familie Beringer ist nach 1725 nicht mehr nachweisbar. Verließen sie das Dorf?

KHK

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Spektakuläre Ereignisse in Stotternheim - Teil 1: Unfälle

Alles, was über den allgemeinen Alltag hinausging, wurde in der Zeit der Medienlosigkeit als Sensation empfunden, begierig aufgenommen und weitergegeben. Durchreisende, die auf der Magdeburger Straße unterwegs  waren, brachten Neuigkeiten aus „aller Welt“ mit und plauderten im Gasthaus darüber, woraus es sich dann schnell über das Dorf verbreitete. Aber auch was innerhalb des Ober- und Untertores geschah, blieb selten ein Familiengeheimnis.....
 
Am 21. April 1669 machen sich schon in aller Frühe der vierfache Familienvater Georg Ritter und sein auf dem Hof angestellter Knecht Lorenz Weißbacher auf den Weg. Holz wollen beide mit dem großen Wagen holen. Tags zuvor hat es geregnet und der Weg ist von tiefen Gleisen, die die Räder fremder Fuhrwerke in die nasse Erde gedrückt haben, zerfurcht. Auf dem Rückweg hat es Georg Ritter schwer den vollbeladenen Wagen darüber hinweg zu lenken. Die Pferde werden nervös und dann beginnt auch noch die Ladung zu verrutschen. Der Wagen neigt sich bedrohlich. Erschrocken springt der Knecht ab, da stürzt bereits das Fuhrwerk um. Die Hoffnung das auch Georg Ritter den Sprung geschafft hat, zerschlägt sich schnell. Als die Staubwolke verweht, kann Lorenz Weißbacher ihn nicht entdecken. Es ist ein Gewirr aus Holz dessen Krönung der große Wagen ist, der nun mit den Rädern nach oben neben dem zerfurchten Weg liegt. Eilens beginnt er mit der Bergung. Da er allein ist, kostet es wertvolle Zeit und viel Kraft bis er endlich den Schwerverletzten erreicht. Er packt ihn auf ein Pferd und hetzt ins Dorf zurück, aber eine halbe Stunde nach Ankunft ist Georg Ritter tot. Zurückbleiben die junge Witwe und drei Töchter zwischen 1 und 12 Jahren.
Georg Ritter wurde in den 20er Jahren des 17. Jh im Dorf geborgen. Er entstammt einer Familie, die geteilt in die Linien „Altclaus“ und „Kleinkunz“ bereits seit 1531 in den Erfurter Urkundenbüchern und 1550 in den Waidbüchern erwähnt wird. Seine Witwe Eva geht keine weitere Ehe ein und verstirbt am 14.5.1671. Wer sich der noch unmündigen Töchter annimmt, ist nicht überliefert. Die älteste, Margarethe, heiratet am 20.1.1678 den aus Kleinrudestedt stammenden Hans Stephan Karst. Zu den jüngeren, Elisabeth und Ursula, findet sich nichts in den Kirchenbüchern.
 
Ein weiterer tragischer Fall findet sich in der Dorfgeschichte und erregte Aufsehen:
Nachdem am 10. August 1706 Pfarrer Tobias Margraf gerade erst 40jährig plötzlich verstirbt, fällt die Wahl der Kirchgemeinde auf Johann Zacharias Theinhardt. Der 41jährige war seit 1697 als Pastor in Werningsleben und Bechstedt/Wagd tätig.
Am zeitigen Morgen des 15. September 1706 machen sich mehrere Stotternheimer Männer auf den Weg, um den neuen Pfarrer, dessen Ehefrau und die vier Kinder, sowie deren Mobiliar abzuholen. Unter ihnen befindet sich auch Conrad Winzer. Er ist um die 46 und vor 20 Jahren von Ollendorf der Heirat wegen nach Stotternheim gezogen. Erst im Jahr zuvor hat er ein zweites Mal geheiratet und daheim warten sechs Kinder auf ihn, von denen das jüngste erst wenige Wochen alt ist.
Es ist ein Mittwoch und trotz des Wissens um die Notwenigkeit der Reise und dem Stolz, da die Ehre den neuen Pfarrer abholen zu dürfen auf sie gefallen ist, murren die Männer auch ein wenig. Es ist eine Zeit, in der sie auf ihren Feldern hätten seinen müssen. Gerade jetzt darf kein Tag ungenutzt verstreichen solange das Wetter gut ist.
Zum Glück verläuft alles reibungslos. Die gut 3 Meilen (ca. 20 Kilometer) durch Ilversgehofen, vorbei an Erfurt und über den Steigerwald bis nach Werningsleben bringen sie schnell hinter sich und auch das Beladen geht zügiger als erwartet. So können sie sich bereits am zeitigen Nachmittag auf den Rückweg machen und vermutlich überlegt auch Conrad Winzer, wie er die gewonnenen Stunden noch nutzen kann. Am Steiger kommt es zu einem Unglück, dass Friedrich Wilhelm Andreä in seiner Dorfchronik von 1854 so umschreibt: „... Johann Zacharias Theinhardt, bei dessen Abholung von Werningsleben ein hiesiger Einwohner Konrad Winzer leider heimwärts am Steiger totgefahren wurde ...“
Für Pastor Theinhardt ist es kein guter Anfang in seinem neuen Wirkungskreis. Zuerst muss er Frau Winzer die traurige Nachricht vom Unglück überbringen. Und für Maria Elisabeth Winzer geb. Glendenberg ist es ein schwerer Schlag. 21jährig steht sie von einem Moment auf den anderen als Witwe mit einer eigenen Tochter im Säuglingsalter und fünf Stiefkindern da. Zwei Jahre später heiratet sie den Meister Hans Georg Forberg.
 
Und noch ein dritter Fall:
12. Mai 1710 – ein Montag.
Seit 11 Jahren sind Joachim Miethe und Martha Catharina, eine geborene Ritter, nun schon verheiratet. Er ist 44 und sie wird in 6 Wochen 40 Jahre. Der bislang einzige Sohn Jacob, wurde leider nur 6 Jahre alt, doch dafür ist die dreijährige Justina Sophia der ganze Stolz der Eltern. Zwar steht ihm sein Elternhaus als Erbe zu und er hat es nach dem Dorfbrand vor 11 Jahren auch wieder aufgebaut, aber ihm und Martha Catharina steht der Sinn nach einem eigenen, in das weder seine Mutter noch die beiden ledigen Schwestern Margarethe (57 Jahre) und Susanna (52 Jahre) hineinreden können. Lange hat er dafür gespart und in diesem Jahr ist es endlich soweit. Jede freie Minute, die er ihm neben Hof- und Feldarbeiten bleiben, verbringt er auf dem Bau. An diesem Montag fährt er mit dem Gespann los, um Bauholz zu kaufen. Auf dem Heimweg ist der Wagen voll beladen, dass die Pferde Mühe haben die Last zu ziehen. Der Unfallauslöser bleibt unbekannt: Scheuen die Pferde? Ruckelt der Wagen durch eine tiefe Spurrinne?

Joachim Miethe stürzt vom Kutschbock, die schweren Holzräder mit den Eisenbeschlägen erfassen ihn. Als er gefunden wird, ist er tot. Zur Trauerfeier, zwei Tage später, kommt fast das ganze Dorf.

KHK
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HÄUSERGESCHICHTEN

Es wird immer behauptet, dass die Grundstücke von Generation zu Generation, von den Vätern auf die Söhne weitervererbt wurden. Der Älteste erhielt das väterliche Erbe und die Jüngeren ging leer aus. Dass dies ein Trugschluss ist, zeigt die Statistik unseres Dorfes. Anhand von Einwohnerlisten aus den Jahren 1667 bis 1870 lassen sich die Familien den einzelnen Häusern zuordnen und damit eine Vererbung bzw. ein Verkauf des Grundstückes belegen. Bereits im Zeitraum zwischen 1667 und 1731 macht sich das in der Sack-, Mittel- und Riethgasse sehr deutlich. In der Sackgasse wurden 4 Häuser innerhalb der Familie weitervererbt und in der Mittelgasse nur 2.  Der Bereich Riethgasse, Untertor und Nödaer Straße können nur eingeschränkt in die Statistik eingerechnet werden, da die Einwohnerliste von 1667 unvollständig ist. In ihr sind nur die Familienvorstände die auf der linken Straßenseite zwischen Karlsplatz und Nödaer Straße bis zur Mühle wohnten erfasst. Dennoch ist für den kurzen Abschnitt mit 20 Häusern eine Weitervererbung auch nur für 2  nachweisbar.

Zwischen 1731 und 1803 wurden in der Mittelgasse 5 und in der Schwanseer Straße nur 1 Haus vererbt.
 
Wie lässt sich das erklären?
In Zeiten ohne finanzielle Rentenabsicherung waren die Bauern und Handwerker gezwungen, so lange wie möglich die Geschäfte zu führen. Erst in sehr fortgeschrittenem Alter und bei guter Gesundheit übergaben sie spät die Geschicke von Wirtschaft und Handwerk an einen Sohn. Nicht jeder Nachkomme wollte auf diese Gelegenheit warten, vor allem dann nicht, wenn er selbst schon Familienvater war. So kam es nicht selten vor, dass sich die Söhne schnell nach der Hochzeit Eigenes schufen. Es befreite sie auch davon, noch lange Zeit vom Vater als Hausvorstand bevormundet zu werden und abhängig zu bleiben. Oft war es dann eine Tochter die zuletzt im Elternhaus verblieb und wenn es ihrem Zukünftigen gefiel, dann zog er nach der Eheschließung ins Haus der Schwiegereltern. Wollte er das nicht oder besaß er selbst schon Eigentum, dann wurden Haus und Grundstück nach dem Tod der Eltern verkauft.
 
Eine weitere Eigentumsveränderung in Bezug auf die Grundstücke brachten Katastrophen mit sich. Noch 20 Jahre nach dem Ende des 30jährigen Krieges von 1648 gab es in der Sack- und Mittelgasse wüste Grundstücke. Die großen Dorfbrände von 1688 und 1699 führten zu Eigentümerwechseln. Ohne eine Schadensversicherung, wie wir sie heute kennen, bedeutete ein abgebrannter Besitz den kompletten Ruin. Oft wurden in solchen Fällen Grundstücke so gut wie möglich verkauft oder getauscht. Wer noch einigermaßen Geld besaß kam günstig an ein großes Grundstück oder kaufte ein angrenzendes Grundstück und vergrößerte damit den eigenen Besitz.

Ein Beispiel ist der Bauer Georg Haun. Geboren im November 1646 in Urbich, zogen seine Eltern um 1650 nach Stotternheim in die Mittelgasse. Mit seiner Eheschließung 1669 erhielt er das schwiegerväterliche Haus und Grundstück des Holländers Adrian Samuel Butter in der Sackgasse 16. Auf dem Grundstück lag zu dieser Zeit eine Hypothek von 5 Talern, die er jährlich mit 3 Groschen 4 Pfennig und ab 1699 mit 5 Groschen abzahlen musste. Noch 1704 ist das so, doch da gehörte ihm Haus und Grundstück längst nicht mehr. Nach dem Dorfbrand 1699 fehlte das nötige Geld das hypothekenbelastete Grundstück wieder aufzubauen. Die Lösung lag darin, in das Elternhaus in der Mittelgasse, dass nun seinem Bruder Heinrich gehörte, zurückzukehren. Das Haus war zwar ebenfalls abgebrannt, doch es war nicht mit einer Hypothek belastet und zusammen mit dem Bruder leichter aufzubauen. Da Heinrichs Söhne nach 1700 eigene Grundstücke besaßen und auch Georgs ältere Söhne nicht im Haus in der Mittelgasse blieben, erbte dessen jüngster Sohn Jacob das Haus. Es ist eines der wenigen, die als vererbt von 1667 auf 1731 nachweisbar sind. Mit Jacob Hauns Tod hörte jedoch auch das auf, denn alle seine Kinder verstarben früh, so dass das Haus verkauft wurde. Und auf eine solche Weise erging es den meisten Besitzungen im Dorf.

 
KHK
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Stotternheims ERFINDER

Das Brettin’sche Gut in der Riethgasse war nach dem Siedelhof das zweitgrößte im Dorf. Große Stallanlagen und Scheunen und immer emsiges Treiben von Knechten und Mägden. Ende des 18. Jahrhunderts wurde hier die letzte Generation dieser Familie geboren und dieser Nachkomme machte nicht wie seine Vorfahren durch eine politische Karriere, sondern durch eine bedeutende Erfindung auf sich aufmerksam. Jedoch ist es in diesem Falle wie mit der Erfindung des Porzellans, wobei Böttger in Dresden als der vorrangige Erfinder gilt, obwohl Macheleidt im thüringischen Sitzendorf zeitgleich damit erfolgreich war.
 
Unabhängig voneinander und fast zeitgleich entwickelten Brettin in Stotternheim und der Wedtlenstedter Pfarrer Benjamin Georg Peßler das erste deutsche mechanische Butterfass. Dieses Quirlbutterfass war weniger kraftanstrengend und zeitaufwendig als die bisherigen. In Selbstversuchen und in Proben mit den Gutsmägden entstand in der Riethgasse eine Maschine die einfach und leicht für Frauen zu bedienen war, wenn auch am Ende mit 4 Talern nicht für jeden Haushalt erschwinglich. 
 
Zur Entwicklung griff Brettin auf das Herkömmliche zurück. Er behielt das Holzfass bei, nur verwendete er anstatt des Stampfers einen Quirl mit Kurbel. Heutzutage würde man sagen, die Ansiedlung des Industriezweiges der Butterfassherstellung kurbelt die Wirtschaft des Dorfes an und schafft Arbeitsplätze. So arbeitete Brettin eng mit seinen Mägden und einem ansässigen Böttcher zusammen. Er befragte die Frauen, ließ sie ausprobieren, fertigte Zeichnungen und gab dem Handwerker Anweisungen. Genaustens überwachte er die Ausführungen, war unzufrieden wenn sich seine Vorstellungen nichts sofort erfüllten und freute sich, wenn sich Erfolg zeigte. Noch Jahre später wurden so Butterfässer hergestellt, obwohl er da längst nicht mehr im Dorf lebte.
 
Wer war dieser Erfinder?
Es ist kaum etwas über ihn bekannt. Als Sohn des Carl Ernst von Brettin und dessen Ehefrau Klara Maximiliane Eleonore geb. von Sebottendorff, wuchs er auf dem Rittergut seiner Brettinschen Ahnen auf. Vermutlich ist er der „Georg von Brettin“, der anlässlich seiner Konfirmation nach Sitte des Dorf und zusammen mit den übrigen Konfirmanden Stotternheims 1798 einen Obstbaum pflanzte.
Seine Mutter verstarb 1798 und als im Juli 1805 auch der Vater verstarb, wurde er der junge Herr auf dem Gut. Er widmete sich ganz seinen Erfindungen, doch reich machte es ihn nicht. So verhinderte 1810 Geldmangel den Wiederaufbau des Rittergutes nach einem Brandschaden. Er verkaufte es und zog nach Gispersleben. 1830 ging auch sein Rittergutsanteil in Meyernberg bei Bayreuth durch Konkurs verloren und 1834 nahm er die Anwartschaftsanzahlung, die er auf die Glendenbergschen Ländereien in Stotternheim geleistet hatte zurück, weil er vermutlich keine weiteren Zahlungen leisten konnte. Kinderlos starb er einige Jahre später.
 
Solange seine Butterfässer Verwendung fanden wurde sich an ihn erinnert, aber als die Technik voranschritt und eine neue Erfindung die seinige ablöste, geriet er schnell in Vergessenheit.
 
KHK
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Die Schlacht von Wörth

Es ist ein heißer Sommertag im Jahre 2003 und als wir Wörth um die frühe Nachmittagsstunde erreichen, liegt das kleine Städtchen im Elsass im Mittagsschlaf. Auf den Straßen begegnen uns keine Einwohner, sogar die Geschäfte haben hier um diese Zeit geschlossen. Es ist idyllisch und wohltuend still in unserem doch sonst  von Hektik und Stress geprägten Alltag.


 
Unser Besuch im Elsass, besonders aber in Wörth, hat einen Grund – es ist eine Reise in die Geschichte Stotternheims. Hätte hier nicht vor 135 Jahren eine der blutigsten Schlachten stattgefunden, dann wäre das kleine Städtchen niemals in der Welt bekannt geworden – aber leider ist es eine traurige Bekanntheit.
 
Wir befinden uns auf den Spuren einstiger Stotternheimer Einwohner die am Deutsch-französischen Krieg 1870/71 teilgenommen haben und wollen dazu das Museum besuchen, in dem ein Diorama die Schlacht sehr anschaulich zeigt und auch Originalstücke wie Uniformen, Waffen, Ausrüstungsgegenstände, und Zeitdokumente, z. B. Postkarten, zu sehen sind.
 
Die meisten Stotternheimer Männer haben im 5. Thüringischen Infanterieregiment Nr. 94 gekämpft.
Die Schlacht fand am 6. August 1870 im leicht hügligen Gelände um Wörth statt.
75.000 deutsche und ca. 45.000 französische Soldaten standen sich hier gegenüber. Fast 10.000 deutsche und über 12.000 französische Männer kamen dabei ums Leben. Die Toten wurden in Einzel- und Massengräbern beigesetzt.
 

 
Aus unserem Dorf nahmen Karl Heinrich Salomo Alperstedt, Johann Bernhard Blankenburg (Musketier), Heinrich Wilhelm Haun (Musketier),
Karl Hermann Friedrich Haun (Musketier), Heinrich August Karst, Hermann Louis Mohnsame (Infanterist), Louis Richard Otto (Infanterist), Johann Heinrich Emil Schmeißer (Infanterist), Heinrich Wilhelm Wenzel (Infanterist) und Heinrich Louis Zacher (Musketier) an der Schlacht teil.
 
Die 94er bestanden aus 3 Bataillonen (Eisenach, Jena und Weimar). Während der Schlacht waren sie der 22. Division im 11. Armeekorps General Bose’s im linken Flügel unterstellt. Sie erlitten schwere Verluste. Von den 9 im 94. Regiment verliehenen Eisernen Kreuzen 1. Klasse und 319 Eisernen Kreuzen 2. Klasse, wurde auch eines an den Stotternheimer Musketier Heinrich Louis Zacher verliehen. Der Infanterist Hermann Louis Mohnsame erhielt die Kriegermedaille mit 2 Schwertern.
 
Auf dem einstigen Kampfplatz stehen heute über 80 Grab- und Gedenksteine.
Ein großes Denkmal erinnert auch an das 5. Thüringische Infanterieregiment Nr. 94.
 

 
Mit 16 vorgespannten Pferde wurde der gewaltige Stein an seinen Bestimmungsort zwischen Wörth und Elsasshausen gefahren. Eine Postkarte im Museum zeigt das Ereignis.
 
Für Dorf- und Familiengeschichtsbegeisterte ist es ein sehr interessanter Ort und auch wer das Französische nicht beherrscht hat keine Probleme, denn die meisten Elsässer sprechen sehr gut deutsch und sind sehr hilfsbereit.
 
K. H.-K.
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Ritter Kunemund von Stotternheim - Eine Sagengestalt

Wie in den meisten Städten und Dörfern ist es eine Sagengestalt, die als erster namentlich bekannter Einwohner der jeweiligen Ortschaft erwähnt wird und das noch lange vor dem ersten urkundlichen Nachweis. Für unser Stotternheim ist das nicht anders. So ist in der Dorfchronik, die Pfarrer Andreä anlässlich der 150 Jahrfeier der evangelischen Kirche schrieb zu lesen, dass im Jahre 964 Kaiser Otto I. einen Kunemund zum Ritter schlug.

Wenn es diesen Kunemund wirklich gab, wer war er?

Auf jeden Fall von privilegierter Geburt, denn nur wer Geld besaß konnte es sich leisten ein Pferd, Rüstung und Waffen zu kaufen. Bereits sein Vater dürfte Ritter gewesen sein und ließ auch so den Sohn in diesem Sinne erziehen. Dazu gehörte die Ausbildung im Umgang mit Waffen, körperlichen Fähigkeiten, sowie Tanz, Gesang und Musikinstrumente. Es umfasste ein den ganzen Tag ausfüllendes Programm, das sich nur leisten konnte wer Zeit dafür hatte und nicht den Lebensunterhalt mit harter Arbeit verdienen musste.

Möglich, dass die Eltern bereits in der näheren Umgebung von Erfurt wohnten und Kunemund nach der Ritterschlagung mit einer schon in Stotternheim vorhandenen Burganlage gelehnt wurde. Als Ritter und Bewohner einer recht kleinen, unbedeutenden Burg gehörte er dem niederen Adel an.

In der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts wuchst das nahe Erfurt zur Stadt heran und gewann an Bedeutung für Handel und Handwerk. Bislang dehnte es sich zwischen Petersberg und Domhügel, auf dem schon die Severi-Kirche stand, bis an die Gera aus, nun wurden die ersten Häuser auch auf der anderen Flussseite gebaut. Häufig erschienen in der Stadt auch prominente Gästen: der Mainzer Erzbischof und die regierenden Könige und Kaiser. Wenn Kunemund wirklich existierte, begegnete er ihnen und besonders Kaiser Otto I.

Zwei Personen, von denen nur eine urkundlich nachweisbar ist: Kaiser Otto I., auch „der Große“ genannt, wurde 912 geboren und starb 973. Anders als seine Amtsvorgänger förderte und beförderte er nicht nur den hohen, sondern auch den niederen Adel. Könnte das ein Beweis sein, dass es Kunemund von Stotternheim wirklich gab oder haben vielleicht nur spätere Angehörige der Familie von Stotternheim aus machtpolitischem Grund nach einem so früher ritterlichen Ahnen gesucht und ihn erfunden? Otto I. begab sich 961 noch als König mit seinem Heer nach Italien und wurde am 2. Februar 962 durch Papst Johannes XII. in Rom zum Kaiser gekrönt. Erst 965 kehrte er von dort zurück. Die sagenumwobene Ritterschlagung des Kunemund im Jahre 964 müsste somit in Italien stattgefunden haben und würde damit seinen Lebenslauf um eine weite gefährliche Reise mit vielen Gefahren, Kämpfen und Eroberungen erweitern. Es wird ein Rätsel der Geschichte bleiben!

Anlässlich der Straßenumbenennungen 2007 wird die Sagengestalt aufgegriffen und ihm zu Ehren ein „Kunemundweg“ zuteil.

K. H.-K.

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