HÄUSERGESCHICHTEN

Es wird immer behauptet, dass die Grundstücke von Generation zu Generation, von den Vätern auf die Söhne weitervererbt wurden. Der Älteste erhielt das väterliche Erbe und die Jüngeren ging leer aus. Dass dies ein Trugschluss ist, zeigt die Statistik unseres Dorfes. Anhand von Einwohnerlisten aus den Jahren 1667 bis 1870 lassen sich die Familien den einzelnen Häusern zuordnen und damit eine Vererbung bzw. ein Verkauf des Grundstückes belegen. Bereits im Zeitraum zwischen 1667 und 1731 macht sich das in der Sack-, Mittel- und Riethgasse sehr deutlich. In der Sackgasse wurden 4 Häuser innerhalb der Familie weitervererbt und in der Mittelgasse nur 2.  Der Bereich Riethgasse, Untertor und Nödaer Straße können nur eingeschränkt in die Statistik eingerechnet werden, da die Einwohnerliste von 1667 unvollständig ist. In ihr sind nur die Familienvorstände die auf der linken Straßenseite zwischen Karlsplatz und Nödaer Straße bis zur Mühle wohnten erfasst. Dennoch ist für den kurzen Abschnitt mit 20 Häusern eine Weitervererbung auch nur für 2  nachweisbar.

Zwischen 1731 und 1803 wurden in der Mittelgasse 5 und in der Schwanseer Straße nur 1 Haus vererbt.
 
Wie lässt sich das erklären?
In Zeiten ohne finanzielle Rentenabsicherung waren die Bauern und Handwerker gezwungen, so lange wie möglich die Geschäfte zu führen. Erst in sehr fortgeschrittenem Alter und bei guter Gesundheit übergaben sie spät die Geschicke von Wirtschaft und Handwerk an einen Sohn. Nicht jeder Nachkomme wollte auf diese Gelegenheit warten, vor allem dann nicht, wenn er selbst schon Familienvater war. So kam es nicht selten vor, dass sich die Söhne schnell nach der Hochzeit Eigenes schufen. Es befreite sie auch davon, noch lange Zeit vom Vater als Hausvorstand bevormundet zu werden und abhängig zu bleiben. Oft war es dann eine Tochter die zuletzt im Elternhaus verblieb und wenn es ihrem Zukünftigen gefiel, dann zog er nach der Eheschließung ins Haus der Schwiegereltern. Wollte er das nicht oder besaß er selbst schon Eigentum, dann wurden Haus und Grundstück nach dem Tod der Eltern verkauft.
 
Eine weitere Eigentumsveränderung in Bezug auf die Grundstücke brachten Katastrophen mit sich. Noch 20 Jahre nach dem Ende des 30jährigen Krieges von 1648 gab es in der Sack- und Mittelgasse wüste Grundstücke. Die großen Dorfbrände von 1688 und 1699 führten zu Eigentümerwechseln. Ohne eine Schadensversicherung, wie wir sie heute kennen, bedeutete ein abgebrannter Besitz den kompletten Ruin. Oft wurden in solchen Fällen Grundstücke so gut wie möglich verkauft oder getauscht. Wer noch einigermaßen Geld besaß kam günstig an ein großes Grundstück oder kaufte ein angrenzendes Grundstück und vergrößerte damit den eigenen Besitz.

Ein Beispiel ist der Bauer Georg Haun. Geboren im November 1646 in Urbich, zogen seine Eltern um 1650 nach Stotternheim in die Mittelgasse. Mit seiner Eheschließung 1669 erhielt er das schwiegerväterliche Haus und Grundstück des Holländers Adrian Samuel Butter in der Sackgasse 16. Auf dem Grundstück lag zu dieser Zeit eine Hypothek von 5 Talern, die er jährlich mit 3 Groschen 4 Pfennig und ab 1699 mit 5 Groschen abzahlen musste. Noch 1704 ist das so, doch da gehörte ihm Haus und Grundstück längst nicht mehr. Nach dem Dorfbrand 1699 fehlte das nötige Geld das hypothekenbelastete Grundstück wieder aufzubauen. Die Lösung lag darin, in das Elternhaus in der Mittelgasse, dass nun seinem Bruder Heinrich gehörte, zurückzukehren. Das Haus war zwar ebenfalls abgebrannt, doch es war nicht mit einer Hypothek belastet und zusammen mit dem Bruder leichter aufzubauen. Da Heinrichs Söhne nach 1700 eigene Grundstücke besaßen und auch Georgs ältere Söhne nicht im Haus in der Mittelgasse blieben, erbte dessen jüngster Sohn Jacob das Haus. Es ist eines der wenigen, die als vererbt von 1667 auf 1731 nachweisbar sind. Mit Jacob Hauns Tod hörte jedoch auch das auf, denn alle seine Kinder verstarben früh, so dass das Haus verkauft wurde. Und auf eine solche Weise erging es den meisten Besitzungen im Dorf.

 
KHK
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1.8.11 13:19

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