Spektakuläre Ereignisse in Stotternheim - Teil 1: Unfälle

Alles, was über den allgemeinen Alltag hinausging, wurde in der Zeit der Medienlosigkeit als Sensation empfunden, begierig aufgenommen und weitergegeben. Durchreisende, die auf der Magdeburger Straße unterwegs  waren, brachten Neuigkeiten aus „aller Welt“ mit und plauderten im Gasthaus darüber, woraus es sich dann schnell über das Dorf verbreitete. Aber auch was innerhalb des Ober- und Untertores geschah, blieb selten ein Familiengeheimnis.....
 
Am 21. April 1669 machen sich schon in aller Frühe der vierfache Familienvater Georg Ritter und sein auf dem Hof angestellter Knecht Lorenz Weißbacher auf den Weg. Holz wollen beide mit dem großen Wagen holen. Tags zuvor hat es geregnet und der Weg ist von tiefen Gleisen, die die Räder fremder Fuhrwerke in die nasse Erde gedrückt haben, zerfurcht. Auf dem Rückweg hat es Georg Ritter schwer den vollbeladenen Wagen darüber hinweg zu lenken. Die Pferde werden nervös und dann beginnt auch noch die Ladung zu verrutschen. Der Wagen neigt sich bedrohlich. Erschrocken springt der Knecht ab, da stürzt bereits das Fuhrwerk um. Die Hoffnung das auch Georg Ritter den Sprung geschafft hat, zerschlägt sich schnell. Als die Staubwolke verweht, kann Lorenz Weißbacher ihn nicht entdecken. Es ist ein Gewirr aus Holz dessen Krönung der große Wagen ist, der nun mit den Rädern nach oben neben dem zerfurchten Weg liegt. Eilens beginnt er mit der Bergung. Da er allein ist, kostet es wertvolle Zeit und viel Kraft bis er endlich den Schwerverletzten erreicht. Er packt ihn auf ein Pferd und hetzt ins Dorf zurück, aber eine halbe Stunde nach Ankunft ist Georg Ritter tot. Zurückbleiben die junge Witwe und drei Töchter zwischen 1 und 12 Jahren.
Georg Ritter wurde in den 20er Jahren des 17. Jh im Dorf geborgen. Er entstammt einer Familie, die geteilt in die Linien „Altclaus“ und „Kleinkunz“ bereits seit 1531 in den Erfurter Urkundenbüchern und 1550 in den Waidbüchern erwähnt wird. Seine Witwe Eva geht keine weitere Ehe ein und verstirbt am 14.5.1671. Wer sich der noch unmündigen Töchter annimmt, ist nicht überliefert. Die älteste, Margarethe, heiratet am 20.1.1678 den aus Kleinrudestedt stammenden Hans Stephan Karst. Zu den jüngeren, Elisabeth und Ursula, findet sich nichts in den Kirchenbüchern.
 
Ein weiterer tragischer Fall findet sich in der Dorfgeschichte und erregte Aufsehen:
Nachdem am 10. August 1706 Pfarrer Tobias Margraf gerade erst 40jährig plötzlich verstirbt, fällt die Wahl der Kirchgemeinde auf Johann Zacharias Theinhardt. Der 41jährige war seit 1697 als Pastor in Werningsleben und Bechstedt/Wagd tätig.
Am zeitigen Morgen des 15. September 1706 machen sich mehrere Stotternheimer Männer auf den Weg, um den neuen Pfarrer, dessen Ehefrau und die vier Kinder, sowie deren Mobiliar abzuholen. Unter ihnen befindet sich auch Conrad Winzer. Er ist um die 46 und vor 20 Jahren von Ollendorf der Heirat wegen nach Stotternheim gezogen. Erst im Jahr zuvor hat er ein zweites Mal geheiratet und daheim warten sechs Kinder auf ihn, von denen das jüngste erst wenige Wochen alt ist.
Es ist ein Mittwoch und trotz des Wissens um die Notwenigkeit der Reise und dem Stolz, da die Ehre den neuen Pfarrer abholen zu dürfen auf sie gefallen ist, murren die Männer auch ein wenig. Es ist eine Zeit, in der sie auf ihren Feldern hätten seinen müssen. Gerade jetzt darf kein Tag ungenutzt verstreichen solange das Wetter gut ist.
Zum Glück verläuft alles reibungslos. Die gut 3 Meilen (ca. 20 Kilometer) durch Ilversgehofen, vorbei an Erfurt und über den Steigerwald bis nach Werningsleben bringen sie schnell hinter sich und auch das Beladen geht zügiger als erwartet. So können sie sich bereits am zeitigen Nachmittag auf den Rückweg machen und vermutlich überlegt auch Conrad Winzer, wie er die gewonnenen Stunden noch nutzen kann. Am Steiger kommt es zu einem Unglück, dass Friedrich Wilhelm Andreä in seiner Dorfchronik von 1854 so umschreibt: „... Johann Zacharias Theinhardt, bei dessen Abholung von Werningsleben ein hiesiger Einwohner Konrad Winzer leider heimwärts am Steiger totgefahren wurde ...“
Für Pastor Theinhardt ist es kein guter Anfang in seinem neuen Wirkungskreis. Zuerst muss er Frau Winzer die traurige Nachricht vom Unglück überbringen. Und für Maria Elisabeth Winzer geb. Glendenberg ist es ein schwerer Schlag. 21jährig steht sie von einem Moment auf den anderen als Witwe mit einer eigenen Tochter im Säuglingsalter und fünf Stiefkindern da. Zwei Jahre später heiratet sie den Meister Hans Georg Forberg.
 
Und noch ein dritter Fall:
12. Mai 1710 – ein Montag.
Seit 11 Jahren sind Joachim Miethe und Martha Catharina, eine geborene Ritter, nun schon verheiratet. Er ist 44 und sie wird in 6 Wochen 40 Jahre. Der bislang einzige Sohn Jacob, wurde leider nur 6 Jahre alt, doch dafür ist die dreijährige Justina Sophia der ganze Stolz der Eltern. Zwar steht ihm sein Elternhaus als Erbe zu und er hat es nach dem Dorfbrand vor 11 Jahren auch wieder aufgebaut, aber ihm und Martha Catharina steht der Sinn nach einem eigenen, in das weder seine Mutter noch die beiden ledigen Schwestern Margarethe (57 Jahre) und Susanna (52 Jahre) hineinreden können. Lange hat er dafür gespart und in diesem Jahr ist es endlich soweit. Jede freie Minute, die er ihm neben Hof- und Feldarbeiten bleiben, verbringt er auf dem Bau. An diesem Montag fährt er mit dem Gespann los, um Bauholz zu kaufen. Auf dem Heimweg ist der Wagen voll beladen, dass die Pferde Mühe haben die Last zu ziehen. Der Unfallauslöser bleibt unbekannt: Scheuen die Pferde? Ruckelt der Wagen durch eine tiefe Spurrinne?

Joachim Miethe stürzt vom Kutschbock, die schweren Holzräder mit den Eisenbeschlägen erfassen ihn. Als er gefunden wird, ist er tot. Zur Trauerfeier, zwei Tage später, kommt fast das ganze Dorf.

KHK
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26.8.11 10:30

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