Spektakuläre Mordfälle in Stotternheim - Rehabilitation nach fast 300 Jahren?

Als ich das Thema „Spektakuläre Mordfälle“ auswählte stellte ich mir vor, in dem Beitrag gleichzeitig auf Ereignisse aus den Jahren 1673, 1681, 1714, 1725, 1867 und 1899 einzugehen. Es sollte nur ein einziger Bericht für das Heimatblatt werden, doch bei meinen Recherchen zum Mordfall 1725 stellte sich etwas heraus, was alle meine Pläne änderte...  Fast zehn Jahre ist es her, dass ich im Kirchenbuch auf jenen Eintrag des damaligen Pfarrers Christian Martin Wahl stieß. Und da selbst in unserer Zeit noch immer all das, was vom normalen Alltag abweicht als interessant empfunden wird, habe ich ihn mir notiert in der Gewissheit, irgendwann verwenden zu können. Doch dann ist er über andere Dinge in Vergessenheit geraten bis eben zu dem Zeitpunkt, als ich diesen Heimatblattbeitrag zu schreiben begann:

Am Abend des 5. April 1725, einem Donnerstag, saßen neben einigen anderen Männern aus dem Dorf wie so oft auch Gottfried Völker und Valten Beringer bei Caspar Schaar im „Beyzapfen“ am Eingang zur Sackgasse zusammen beim Bier. Eigentlich war Schaar Fleischermeister, doch er durfte auch Beizapfen, d. h. er besaß das Recht des nebenberuflichen Bierausschanks, das durch die Gemeinde verpachtet wurde.

Gottfried Völker und Valten Beringer kannten sich bereits seit 13 Jahren.

Völker wurde in Schloßvippach geboren und zog nach seiner Heirat am 18.4.1712 mit der einheimischen Anna Elisabeth Möller in Stotternheim ein. Er wurde später als „Schuster“ bezeichnet, ein Begriff der schon zur damaligen Zeit nicht sehr ehrenvoll war. So wurde nur genannt, wer Schuhreparaturen durchführte oder keine ordentliche Arbeit verrichtete. In seiner knapp 13jährigen Ehe wurden ihm 5 Kinder geboren, von denen drei das Säuglingsalter überlebten. Einem weiteren Vaterglück schaute Gottfried Völker bereits entgegen.

Sehr beliebt schien er nicht im Dorf gewesen zu sein. Nicht ein einziges Mal wurde er zu einer Patenschaften gebeten.

Valten Beringer/Bäringer lebte schon seit 1698 im Dorf. Er stammte aus Ollendorf und war in erster Ehe mit Susanna Gruppe und ab 1706 mit deren Nichte Susanna Gruppe verheiratet. In beiden Ehen wurden ihm 7 Kinder geboren.

Warum es an jenem 5. April zu einem Streit kam und in dessen Verlauf Gottfried Völker durch Valten Beringer erstochen wurde, ist heute nicht mehr bis ins Detail zu klären. Nicht einmal die Dorfchronik erwähnte es, nur der Eintrag im Sterbebuch berichtet sehr knapp und in einem Gemisch aus Deutsch und Latein davon. Neugierig geworden und des lateinischen nicht mächtig, finde ich im Internet in einem Ahnenforschungsforum Hilfe. Kaum eine halbe Stunde, nachdem ich den Hilferufe zur Übersetzung eingetippt hatte, ist schon die Antwort da. Zwar kenne ich jetzt den Sterbebucheintrag im ganzen, aber es kommen auch neue Fragen auf.

Da der „Mord“ vor Zeugen geschah, musste die Angelegenheit nicht lange untersucht werden. Der Mörder war bekannt und so wurde das Mordopfer „auf Befehl des kurfürstlich-mainzischen Gericht“, dem nach 1664 die Blutgerichtsbarkeit unterstand, zur Bestattung freigegeben. Am Abend des 9. April 1725 wurde Gottfried Völker am Rande des Friedhofes ohne „Weihrauch und Kreuz“, dass heißt also ohne kirchliche Weihen des Pastors begraben.

Moment? Am Rande des Friedhofes und ohne kirchliche Weihen? Diese Sitte war nur bei Selbstmördern bzw. anderen unliebsamen Personen üblich! Wieso wurde auf diese Weise nun auch mit einem unschuldigen Mordopfer umgegangen?

Da ich keine Erklärung zu so einer untypischen Praktik finde, fällt mir in diesem Moment nur ein einziger als Ansprechpartner ein – ein Pfarrer. Nach dem Telefonat wird vieles Klarer und nun können auch Rückschlüsse leichter gezogen werden.

Am Abend des 5. April 1725, einem Donnerstag, kam es im Beyzapfen bei Caspar Schaar zu einem Streit, den Gottfried Völker provozierte. Er war bekannt für solche Szenen und deshalb nicht beliebt im Dorf. Im Alkoholrausch zog er das Messer und sein Gegner, Valten Beringer, muss sich verteidigen. Es wurde ein Unfall mit Todesfolge, bestätigt von zahlreichen Anwesenden. Beringer war somit kein Mörder und Völker, der dorfbekannte Unruhestifter erhielt das Grab am Rande des Friedhofes, abseits der Dorfgemeinschaft.

Noch immer neugierig, reicht mir diese Aufklärung nicht völlig aus. Was wurde aus Valten Beringer? Die Anfrage im Erfurter Stadtarchiv, wo ich mittlerweile bekannt bin, führte ins nichts. Da, wie bereits erwähnt, die Blutgerichtsbarkeit ab 1664 nicht mehr dem Erfurter Stadtrat unterstand, sondern einem kurfürstlich-mainzischen Gericht, sind hier auch keine Gerichtsakten zu finden. Der Stadtarchivdirektor verweist mich nach Wernigerode, wo sich die Außenstelle des Landeshauptarchives Sachsen-Anhalt befindet. Wenn wirklich etwas über diesen Fall vorhanden ist, dann hier.

Zum Glück gibt es ja Internet und die Archivmitarbeiter sind auch sehr kooperativ. Aber leider werden auch in Wernigerode keine Gerichtsakten zu diesem Fall gelagert. Meine nächste Email geht direkt nach Mainz, doch von hier werde ich an das Staatsarchiv Würzburg verwiesen und auch hier ist nichts mehr zu ermitteln.... Also muss auch ich diese „Akte“ schließen.

Epilog:

Gottfried Völkers Witwe Anna Elisabeth, erst 35 Jahre alt, ging keine weitere Ehe mehr ein. Vielleicht war sie durch den Ruf ihres verstorbenen Mannes abgestempelt. Sohn Simon heiratete 1746 Gertruda Hille aus Werningsleben, zeugt 10 Kinder und war als „Tag- und Nachtwächter“ durch die Gemeinde angestellt. Tochter Christina heiratete knapp 28jährig, 1745 den 80jährigen Junggesellen Christoph Miethe und nach dessen Tod, 1750 Georg Heinrich Ritze. Seine jüngste Tochter Elisabeth, deren Geburt Völker nicht mehr miterlebte, wurde am 24. Juli 1725 geboren und starb bereits mit 13 Jahren.

Die Existenz eines Mitgliedes aus der Familie Beringer ist nach 1725 nicht mehr nachweisbar. Verließen sie das Dorf?

KHK

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6.9.11 12:12

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