Das dörfliche Medizinwesen

Eigentlich sollte das ein Beitrag über den in Stotternheim tätigen „Doktor Elias Lange“ werden, aber meine Recherchen ergaben am Ende etwas völlig anderes...
 
Anfang Februar 1682 wurde Elias in der Mühle am Untertor als mittelstes und 7. Kind des Müllermeisters Andreas Lange geboren. Ingesamt hatte er 6 Schwestern und 6 Brüder. Elias erlernte ein Handwerk, dass es bislang im Dorf nicht gab: Chirurg -  Balbier - Feldscher. Diese drei Bezeichnungen zeichneten ein und den selben Beruf aus und machten ihn zum angesehen Einwohner des Dorfes, so dass er auch mit „Herr“ betitelt wurde. Nur Reichtum erlangte er damit nie. Der Verdienst war so gering, dass er nebenbei noch Landwirtschaft betrieb und jährlich 6 Groschen 11 Pfennig Erbpacht auf das Land bezahlte. Nur einen Kirchenstuhlplatz für 6 Groschen kann er sich leisten und musste zwischen den übrigen Bauern und Handwerkern sitzen. 1736 schenkten ihm Verwandte für ein Jahr einen Kirchenstuhlplatz für 12 Groschen in besserer Reihe.
 
Kurz gesagt, er war der Barbier bzw. wie es später heißt, der Frisör des Dorfes. Aber während Frisöre heute wirklich nur mit dem Schneiden der Haare zu tun haben,, umfasste dieser Beruf zu Elias Langes Zeiten und noch weit darüber hinaus, viel mehr. Bartrasur und Haare schneiden bei ausschließlich männlicher Dorfkundschaft war nur die eine Berufsseite, die zweite umfasste das Ziehen von Zähnen, Aderlass und Schröpfen, Behandlung von offenen Wunden jeder Art, Versorgung von verstauchten, gebrochenen und ausgerenkten Armen oder Beinen, sogar Operationen und Amputationen führte er aus.
Dieser Beruf bedurfte keines Studiums an einer Universität, nur einer Lehre bei einem Meister dieses Faches, da es ein „Handwerksberuf“ war.
Je besser sich ein Balbier in den medizinischen Kenntnissen und der Pharmazie auskannte, um so größer und besser standen die Chancen seiner Patienten.
Zwischen 1727 und 1735 hatte Lange den Berufskollegen Christoph Nordhausen im Dorf.
 
Über die Fähig- und Fertigkeiten beider werde ich hier kein Urteil abgeben. Es gibt jedoch in der Dorfchronik eine Erwähnung, die diese in Frage stellt. Im Juni 1733 verletzte sich der 26jährige Peter Otto am Handgelenk und ließ sich, wie es üblich war, von einem der beiden Balbiere behandeln. Der Beschreibung nach ein Bruch bzw. Ausrenkung, dann aber kam hohes Fieber hinzu und erst jetzt wurde nach einem richtigen Doktor, den es nur in Erfurt gab, geschickt.

Die Dorfchronik berichtet darüber: „1733 - ereignete sich ein trauriger Unfall. Beim Taubennestausnehmen gleitete Hans Otto’s jüngster Sohn Peter auf der Leiter aus und blieb mit der linken Hand in der Taubenhöhle stecken, fiel aber dann herunter. In Folge zu festen Verbandes vom Chirurgen kam der Brand hinzu, so dass die herbeigeholten Erfurter Ärzte nicht mehr helfen konnten, und da der Unglückliche sich die Hand nicht ablösen lassen wollte, so starb er im Glauben an Christus und erwartete seine Erlösungsstunde mit herzlichem Verlangen, christlicher Standhaftigkeit und inbrünstigem Gebete, mit völligem Verstande und ohne Todesfurcht, noch nicht 27 Jahre alt.“

KHK

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1.1.12 12:01

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