10. Februar 1791

Was geschah in dieser Nacht?
 
Als die Stotternheimer an jenem Donnerstag am Abendbrotstisch sitzen, ist ihre Welt noch in Ordnung. Die Stube ist warm und die Tiere in den Ställen versorgt. Es wird über den kommenden Tag und die zu erledigenden Arbeiten gesprochen, Pläne geschmiedet.
Die Lichter, die durch die Fenster aus den Häusern auf die Gassen scheinen, erhellen schwach die Dunkelheit.
 
Pfarrer Fälkner verabschiedet an der Haustür Andreas Kornmaul, der soeben seinen neugeborenen Sohn zur Taufe angemeldet hat und begibt sich dann in seine Studierstube, um alles dafür vorzubereiten.
Auf dem Heimweg trifft Kornmaul an der Straßenecke auf die Hebamme Straube, die sich noch einem aufgemacht hat, um im Kornmaulschen Haus nach der jungen Mutter und dem Säugling zu sehen. So legen beide gemeinsam das kurze Wegstück zurück.
 
Am Obertor schlägt Schulmeister Grobe das Zensurenbuch zu und kann vom Fenster aus beobachten, wie sein Amtskollege Bechler mit einer Laterne in der Hand und gegen den immer stärker werdenden Sturm ankämpfend quer über den Friedhof zur Kirche geht, sicher will der Kantor für den Sonntagsgottesdienst auf der Orgel proben.
Zur gleichen Zeit klopft es bei Chirurg (Barbier) Roth am Untertor an die Tür. Das Nachbarskind hat Zahnschmerzen und muss davon erlöst werden.
Am Karlsplatz legt Schmied Lotze den schweren Hammer aus der Hand und Tischlermeister Wagner ein paar Häuser entfernt in der Herrengasse schließt die Werkstatt ab.
Es ist endlich Feierabend, wohlverdient nach einem langen Arbeitstag.
 
Nur der Gastwirt mit seiner Magd am Karlsplatz 5 hat noch alle Hände voll zutun. An der Handelsstraße zwischen Erfurt und Magdeburg gelegen gibt es viele Gäste, die sein billigeres Quartier den teuren in Erfurt vorziehen. Immer wenn jemand die Tür auf der Sackgassenseite öffnet um einzutreten, weht eine unangenehme kühle Sturmböe durch die kleine Gaststube und lässt die Kerzenflammen unruhig werden.
 
Gleich nebenan, im Eckgrundstück Karlsplatz/Mittelgasse, endet mit dem Dunkelwerden das Tagwerk. Hier wohnt der 31jährige Heinrich Straube, ein einfacher, verschlossener und eigenwilliger Mann, den allein seine Frau Hanna Juliane zu lenken versteht. Sie besitzt im ganzen Dorf ein gutes Ansehen, niemals weist sie Arme und Kranke von ihrer Tür ab.
Dieser Abend ist wie jeder andere: Nach dem Essen wird noch Ordnung geschaffen und die Magd setzt den Brotteig an, so dass der in der verbliebenen warmen Küchenluft gut gehen kann. Dann wird die Kerze ausgeblasen.....
 
Gegen 21 Uhr zerreißt plötzlich der aufgeregte Ton der Feuerglocke die Stille und warnt vor Gefahr. Fenster werden aufgerissen und flüchtig bekleidete Menschen treten vor die Hoftore. Ein gelbroter Feuerschein steht mitten über dem Dorf.
 
Aus dem Haus des Heinrich Straube schlagen bereits die Flammen weit in den Nachthimmel hinauf und die Sturmböen greifen die glühenden Funken auf und tragen sie davon.
Hastig werden Jacken übergezogen und mit Wassereimern durch die Gassen zum Brandort geeilt. Die große schwere Feuerspritze wird herangeschoben und zwei Feuerläufer machen sich auf den Weg, um in den Nachdörfern Hilfe anzufordern.
 
Noch bevor die Löscharbeiten beginnen können, steht ein zweites Haus in hellen Flammen. Der Sturm hat die Funken über die Gasse hinweg getrieben. Jetzt eilen die Flammen über die Haus- und Stalldächer, das Feuer frist sich von Dach zu Dach weiter ohne Halt. 
Nur die Häuser, die beiden Schulen und die Kirche am Obertor bleiben außerhalb der Gefahr, weil der Sturm aus südwestlicher Richtung weht.
 
Die Männer an der Feuerspritze stehen angesichts der schnellen Ausbreitung dem Inferno bald machtlos gegenüber. 
Das Feuer bleibt nicht auf die Mittelgasse begrenzt. Eine viertel Stunden später überwindet es den weiten Karlsplatz und erreicht ein Scheunendach am Beginn der Herrengasse. Es macht allen Einwohner klar, dass es nun kein Halten mehr gibt. Jeder für sich muss ab diesem Moment versuchen, wenigstens einen geringen Teil seines Besitzes zu retten.
 
Die Wöchnerin, Frau Kornmaul, hat nur wenig Zeit sich anzukleiden. Hastig wickelt sie den erst einen Tag alten Säugling in Decken, um ihn gegen Sturm und die raue Februarluft zu schützen.  Mit Ehemann und den übrigen kleinen Kindern flieht sie aus dem brennenden Haus.
 
Eine Stunde nach Ausbruch des Feuers stehen Mittelgasse, Riethgasse, Herrengasse und Teile der Sackgasse in Flammen. „...74 Häuser, 73 Scheunen, 80 Ställe...“ fielen dem Feuer zum Opfer und „...11 Begüterte, 33 Mittelleute, 32 unbemittelte Hausbesitzer, 22 Mietsleute, 25 ganz Arme waren abgebrannt.“ Beschreibt die Dorfchronik die Ereignisse dieser Nacht.
 
Glück für die, die für ihre Häuser eine Brandversicherung abgeschlossen hatte, es sollen die meisten gewesen sein. Die Nachbardörfer leisteten finanzielle und materielle Unterstützung und kaiserliche und kurmainzische Soldaten, die in Erfurt stationiert waren, erhielten Befehl bei der Beräumung der Brandstätten zu helfen.
 
KHK
Quellen: Dorfchronik und Bericht des Kantors Johann Georg Bechler (Pfarrarchiv)
 

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9.2.12 13:00

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