Romeo und Julia

Haben Sie während Ihrer Schulzeit auch Liebesbriefchen geschrieben? Es ist mit Sicherheit ohne Konsequenzen geblieben, nicht so vor über 140 Jahren.

Zwar bleibt hier das Happy End aus, aber eine Tragödie á la William Shakespeare wurde es auch nicht.

14. März 1865 – Wenn Wilhelm Piutti am Tisch in seiner Kammer des Elternhauses in der Saline Louisenhall sitzt und aus dem Fenster schaut, dann kann er die Häuser des nahen Dorfes sehen. Jetzt um so besser, da die Bäume noch kahl sind. Dabei kreisen seine Gedanken um ein Mädchen, dass ihm seit Tagen nicht zur Ruhe kommen lässt. Zum ersten Mal in seinem Leben ist er verliebt und die Geliebte ist Klara, die Tochter seines Lehrers Taubert.

Er kann nicht anders, er muss ihr schreiben was er für sie empfindet und zieht deshalb Papier und Bleistift aus der Schublade. Am Ende sind seine Gedanken auf einer viertel Seite festgehalten, aber es wird wohl ausreichen.

Am nächsten Morgen schiebt Wilhelm den ordentlich gefalteten Liebesbrief in das Fach unter seiner Bank. Wenn nachher die Schule zu Ende ist, dann wird er ihn Klara überreichen.

Längst sind die älteren Schüler aus dem Raum, da stürmen die jüngeren herein. Franz Bauer, der Sohn des siedelhofschen Kastellans, schiebt die Schulbücher in das Fach unter der schrägen Schreibfläche und stößt dabei auf einen leichten Widerstand. Neugierig beugt er sich hinab, um nach der Ursache zu suchen. Es ist ein Zettel, zusammengefaltet und nun durch seine Schulbücher etwas geknickt. Er stößt Fritz, der neben ihm sitzt, an. „Schau mal, was im Fach lag!“

Fritz, der Sohn des Lehrers Hönniger, wirft einen Blick darauf und hält es für besser ihn dem Vater zu übergeben.

Lehrer Hönnigers Augen eilen über die Zeilen „Geliebte Klara ....“. Es macht ihn wütend, weil sich so etwas in seinen Augen nicht gehört. Ein Schulknabe hat einem Schulmädchen keinen Liebesbrief zu schreiben und schon gar nicht, wenn dieses Mädchen die Tochter seines Berufskollegen ist. Da ist es ihm völlig egal, wenn der Schreiber ebenfalls aus gehobenerem Kreise stammt. Auch wenn keine Unterschrift den Brief beendet, so weiß er doch wem diese charakteristische Schrift gehört. Es gibt nur zwei Jungen im höheren Jahrgang, die so schlecht schreiben und nur einer, der als Verfasser in Frage kommt: Wilhelm Piutti. Das kann und will Hönniger vor Gott und seinem Gewissen beschwören.

Vorerst ist in dieser Sache jedoch nichts zu unternehmen, er muss zurück in die Schulstube. Fritz erhält die Anweisung, den Liebesbrief Lehrer Taubert zur Einsicht zu bringen und danach wieder hier abzuliefern. Noch viel aufgebrachter aber ist Karl Taubert, Klaras Vater, nachdem er den Liebesbrief an seine Tochter gelesen hat. Er will eine strenge Rüge für den Übeltäter und dass niemals wieder jemand diesen ungehörigen Brief lesen kann, übergibt das Beweisstück zur immerwährenden Vernichtung dem Feuer..... Eigentlich wollte Lehrer Hönniger während der freien Zwischenstunde Wilhelm Piutti zu sich in die Wohnung bestellen um ihn zur Rede zu bringen, doch er hat es über andere Dinge vergessen. So schickt er Fritz hinterher und sieht vom Fenster aus zu, wie beide Jungen auf dem Karlsplatz zusammentreffen. Nur hören kann er das Gespräch nicht.

Fritz muss sich beeilen, um Wilhelm noch einzuholen. „Du musst zurückkommen, mein Vater will mit dir reden!“ ruft er hinterher.

Wilhelm bleibt nur widerwillig stehen. „Ach, wegen dem Zettel, den kenne ich nicht!“ knurrt er und beißt sich im nächsten Moment auf die Zunge. Fritz hatte nichts dergleichen erwähnt, wäre er doch lieber nicht so unvorsichtig gewesen und hätte den Ahnungslosen gespielt. Aber nun ist es zu spät und die Worte lassen sich nicht mehr zurückholen. Wenn Fritz das seinem Vater wörtlich ausrichtet, dann .....

... und Fritz richtet es wörtlich aus, schon deshalb, weil der Vater es so verlangt. Hönniger fühlt sich bestätigt. Auch wenn er durch die Vernichtung des Briefes nun keinen Beweis mehr in den Händen hat. Seine Aufklärung des Falles ist aber noch nicht abgeschlossen. Fritz wird erneut losgeschickt, jetzt ist der Weg nicht so weit, nur bis in die Nachbarwohnung zu Klara Taubert.

Statt dieser erscheint nur die Magd: „Klara ist ängstlich, wisse nicht was sie sollte!“

Hönniger gibt nicht nach: „Lass’ sie nur kommen, ich will sie nur etwas fragen!“

Als Klara dann endlich erscheint, beantwortet sie alle Fragen mit „Nein“.

Am gleichen Abend trifft Hönniger im Gemeindegasthaus auf den Salineninspektor Bernhard Piutti. Ihm gegenüber bleibt der Lehrer zurückhaltend, hat große Achtung vor dem einflussreichen Mann und berichtet so nur im allgemeinen von dem Vorfall und ohne Namen zu erwähnen.

Da Hönniger nun das Beweismittel fehlt, sind ihm die Hände gebunden. Nur eines kann er noch tun. Als er am Donnerstag, am 16. März, die Schulstube betritt, hat er statt des Religionsbuches die Mappe mit den Schulgesetzen in der Hand. Punkt für Punkt liest er laut vor und einen ganz besonders deutlich, während er Wilhelm dabei ansieht und ihn mit „Du bist gestern ungehorsam gewesen!“ ermahnt. Nur er und Wilhelm wissen, was das bedeutet. Lehrer Hönniger verfasst noch einen letzten Bericht zu seinen Ermittlungen an das Pfarramt und Pastor Andreä legt diesen zu den Akten und schließt damit das Thema ab.

Für Wilhelm und Klara bleibt es eine kleine, schöne Schulzeitliebe. Nach der Konfirmation trennen sich ihre Wege.

 

KHK

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28.3.12 08:13

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